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Maria Navarro Skaranger: Bok om sorg (Fortellingen om Nils i skogen)

Norwegisch.

Forlaget Oktober 2018.
141 Seiten.

Bok om sorg (Fortellingen om Nils i skogen) (deutsch: Trauerbuch (Die Geschichte von Nils im Wald)) ist die zweite Veröffentlichung der 25-jährigen norwegischen Autorin Maria Navarro Skaranger. Bereits für ihr erstes Buch wurde sie 2015 mit dem vielbeachteten Tarjei-Vesaas-Debütantenpreis ausgezeichnet. Für Bok om sorg gewann sie 2018 den Oslopreis. Bisher wurden ihre Werke noch nicht ins Deutsche übertragen.

 

In diesem gelungenen und schon von seiner Struktur her ungewöhnlichen Roman (240 durchnummerierte Absätze) wird geschildert, wie eine Familie mit dem Selbstmord des 30-jährigen Sohnes umgeht. Auf sehr berührende Weise und in einer schlichten und schnörkellosen, aber nie banalen Sprache wird die Innen- und Außenwelt der Figuren aus der Sicht der jungen Ich-Erzählerin (der jüngeren Schwester des Toten) geschildert – ihre Erinnerungen an die gemeinsame Kindheit und die letzten Jahre mit ihrem Bruder, ihre über Dritte vermit­telte Sicht auf die Vergangenheit ihrer Eltern sowie ihr Weiterleben nach der Katastrophe, die sie auf eine sehr reife Art versucht, zu verarbeiten – nicht zuletzt, um ihrer Mutter beistehen zu können. Durch die Schilderungen ihres beruflichen Alltags als Grundschullehrerin wird die Auf­merksamkeit des Lesers auch darauf gelenkt, wie Kinder das Geschehene betrachten – eine Perspek­tive, die Skaranger auch in jenen Passagen meisterhaft ausleuchtet, in denen die Ich-Erzählerin ihre eigenen Kindheitserinnerungen reflektiert.

Pressestimmen:

„Ohne exzessive Erklärungs­versuche stellt Skaranger die Verunsicherung von Heranwachsenden dar … Eine gut geschriebene und ausge­wogene Geschichte mit einer feinen Balance zwischen dem, was erzählt wird, und dem, was zwi­schen den Zeilen steht. ... Ein Oslo-Roman mit gekonnten Schilderungen der Wohnsilos auf der einen und des Waldgebiets Marka auf der anderen Seite und einem Abstecher auf eine sommerliche Insel, der den Leser an Tove Janssons Sommerbuch denken lässt.“

Gerd Elin Stava Sandve, Dagsavisen

„In den 240 nummerierten Fragmenten des Romans fängt Maria Navarro Skaranger in hervorragen­der Weise die ungleichen Reaktionen auf einen Selbstmord ein. Das Buch zeichnet ein komplexes Bild von der Unzuverlässigkeit des Familiengedächtnisses.“

Tom Egil Hverven, Klassekampen

„Ein befreiender und unprätentiöser Roman darüber, was Trauer mit Menschen macht. … In Navarro Skarangers nüchterner Prosa wird das Wesen der Trauer als etwas Unbeständiges dargestellt, als Wogen, die kommen und gehen … Ein kluger und formstarker Roman über die zahlreichen Facetten von Trauer.“

Anne Merethe K. Prinos, Aftenposten

Übersetzungsprobe

[…] 169. Die Sommer verbrachten wir im Sommerhaus, eigentlich ist meine Mutter immer gerne dort gewesen, wochenlang mit uns zusammen, sie hatte ein Kleid mit Sonnenblumen darauf. Auch bei Regen trug sie es, sie zog einfach eine von den großen Regenjacken an, dazu hohe Gummistiefel. Das Kleid wurde schnell schmutzig, aber wegen des Blumenmusters fiel das kaum auf, also machte es nichts, sie konnte wochenlang in demselben Kleid herumlaufen. Mit ruhigen Schritten ging sie durch den Garten und schaute in die Beete. Entfernte Unkraut, Löwenzahn und winzig kleine Brennnesseln.

 

170. Jetzt ist Mama im Blumenkleid etwas, das es nicht mehr gibt, das lange zurückliegt, obwohl man es sich ins Gedächtnis zurückrufen kann, wenn man möchte. Dann ist sie wie ein Licht. Als wir zum Beispiel nach unserer Ankunft im Sommerhaus mit der Schubkarre voller Säcke auf dem Weg in den Garten waren, fing Mik von Mama und den Blumen an. Ständig war sie dabei, Blumen zu schneiden. Ich kann sie direkt vor mir sehen. Im Weitergehen lachte Mik leise in sich hinein.

 

Mama im Haus, im Frühsommer, mit den weinroten Rosen, die vor den Fenstern hochrankten. Etwas später, im Juli, welken sie, dann kommen die anderen Rosen, die gewöhnlicheren, gelbe und rosafarbene, Hagebuttenrosen rund ums Haus, das ist etwas anderes.

 

171. Das Haus ist groß und blau, es gibt darin drei Schlafzimmer, Großmutter schläft in dem beigefarbenen Zimmer im ersten Stock rechts. Mik bewohnt das Zimmer mit dem Doppelbett im ersten Stock links, ich das blaue Zimmer unten. Das Haus haben meine Urgroßeltern in den Fünfzigerjahren gekauft. Meine Urgroßmutter wollte es wegen des großen Gartens haben. Sie hat hinter dem Haus Gemüse angebaut und rundum eine Rosenhecke gepflanzt, die dem Garten etwas Lauschiges verlieh. Die Rosenhecke wurde immer geschnitten, sie durfte nicht zu hoch werden, damit man vom Garten aus immer das Meer sehen konnte. Verwelkte Rosen wurden abgeschnitten, damit im nächsten Jahr neue kamen. Inzwischen ist die Hecke sehr hoch und einen guten Meter breit, niemand kann hereinschauen und niemand kann herausschauen, das Meer sehen wir nur vom ersten Stock aus. Der Stamm des Pflaumenbaums ist ganz schwarz und dürr, nur am oberen Ende lugen grüne Blättchen hervor, das Gras ist jetzt voller Zecken, weshalb Großmutter auch bei Sonnenschein immer Kniestrümpfe und Gummistiefel trägt, so hoch krabbelt keine Zecke, sagt sie. Es fällt ihr jetzt schwerer, sich abzusuchen, sie ist so steif, dass sie nicht überallhin kommt, ich sehe zwischen ihren Hautfalten nach, auf ihrem Rücken oder zwischen ihren Zehen. Manchmal denke ich, dass es früher hier wahrscheinlich besser war, ständig kamen Leute vorbei, es gab ein Boot, der Garten war gepflegter, aber es ist trotzdem schön. Ich mag das Verwilderte. Ich kann Brennnesseln ausreißen oder einen Teil dieser gelben Blumen, die Großmutter Gilbweiderich nennt, die wachsen und wachsen und wachsen, sagt sie. Der grüne Rasen wird immer weniger! […]

 © 2019  | Ilona Zuber